
Jüngst erst lernte ich, dass einem die örtliche Trennung von einem geliebten Menschen körperliche Schmerzen bescheren kann. Die mittlerweile platt gewordene Redewendung ›mir wird das Herz schwer‹ am eigenen Körper zu erleben, veränderte auch meinen Blick auf sie, und vermutlich war dieses Erlebnis auch der Grund, weshalb ich aus dem Stapel an Büchern zur Rezension just »Unzustellbar Briefe« zog. Das ist, so finde ich, das Gute an Büchern: Sie warten stets auf einen, mit Langmut und Beharrlichkeit, geben uns alsdann ihre Antworten auf unsere Fragen, werden uns Anregung und– im besten Fall – Freunde.
»Unzustellbar Briefe«, das sind sehr persönliche Hinwendungen an ein Gegenüber, welches nicht mehr erreichbar ist, sei es, weil es verstarb, sei es, weil die Trennung unwiderruflich vollzogen wurde, ein Bruch sich in unser Leben einschrieb. Diese 18 niemals abgesandten Briefe erzählen in griffigen Titeln wie »Vielleicht ist Glück doch auch ein wenig Zufall«, »Fast eine Schwester« oder »Warum konnten wir nicht einfach Freunde sein?« von Begegnungen, vom Lernen am Du, von Bindungen und vom Lösen derselben, von Konkurrenz, Eifersucht, Neid, Verfehlungen, Schmerz. Sie sprechen aber auch von Sätzen, die sich ins Bewusstsein eingravierten, sodass sie selbst Jahrzehnte später ungemindert in uns hallen, als hätte man sie uns eben erst an den Kopf geknallt: »Es ist gut, dass Ihnen das zugestoßen ist, jetzt wissen Sie wenigstens, dass Menschen wichtiger sind als Bücher.«, das ist so ein Satz, der sich wie eine Schlinge um den Hals legt, bis nicht einmal eine wahrhaftige Entschuldigung sie würde lösen können.
»Unzustellbare Briefe« sprechen aber auch von Hinwendung und Aufrichtung, sie erzählen von Entwicklungsschritten und miteinander auf der Lebensreise Geteiltem, von Liebe und Freundschaft. Sie rufen nach Erinnerungen mit dem angesprochenen Menschen, der in keinem dieser Briefe einen Namen erhält, bringen dieses Vergangene auch uns nahe und rühren uns manchmal zu Tränen, wenn sie diese im angesprochenen Du unbedingt wachrufen wollen: So war es doch, nicht wahr? Oder sie bitten aufgrund eigenen Vergessens um Erläuterungen zu Geschehnissen, legen dadurch den Fokus auf die Sonderbarkeit, weshalb wir dies oder das vergessen haben, die Ursache für einen Bruch etwa oder warum eine Reise eine unerwartete Wendung nahm. Zeitgleich vertrauen diese Briefe ihre Rückblicke im Aussprechen uns an. Manchmal erlebt man die innewohnende Vertraulichkeit aufgrund der allgemeinen Thematik im Hintergrund der speziellen Beziehung als Bereicherung. Und manchmal wird einem die gewährte Nähe zum erzwungenen Blicken durch ein Schlüsselloch, sodass sie uns mit Unbehagen zurücklässt.
Das Charakteristische der jeweiligen Beziehung steht bei allen Briefen im Vordergrund und gekonnt arbeitet die Autorin dies heraus, legt Zeile für Zeile das Wesentliche frei. Außerdem gewährt sie en passant Einblicke in Arbeitsmodi und Werdegang, in Lebenslinien, was die Lektüre obendrein bereichert. Dadurch bewirken diese niemals abgesandten Briefe eine eigenständige Reflexion im Lesenden über Beziehungen und Freundschaften, frühere und gegenwärtige Lieben und was kann man über Literatur Besseres sagen, als dass sie den eigenen Gedankenfluss zum Strömen gebracht habe?
Mitgutsch, Anna: Unzustellbare Briefe. München: Luchterhand Verlag 2024.