
Was mir damals entging, als ich diesen Roman als Teenager zum ersten Mal las – obendrein auf Englisch; weil das Cover in der Schulbibliothek Spannung versprach –, war vor allem der wunderbare Humor dieses Autors, seine Fähigkeit durch Ironie den klassischen Spionageroman auf die Schippe zu nehmen und uns Lesende zu Komplizen seiner Figuren werden zu lassen, zu Zeug*innen davon, dass der neu für das britische Reich angeworbene Spion Mr. Wormhold seine Auftraggeber nach Strich und Faden zum Narren hält, aus keinem anderen Grund als demjenigen, dass er ansonsten – als kleiner Vertreter für Staubsauger – unmöglich seiner Tochter Milly die ersehnten Abende im Country Club finanzieren könnte, von höherer Schulbildung in der Schweiz ganz zu schweigen.
So beginnt Mr. Wormhold zu lügen, dass sich die Balken biegen, er erfindet Agent*innen nach realen Vorbildern, erdichtet ihnen ein Leben, als wären sie Romanfiguren. Und den kubanischen Rebellen Unternehmungen, die sie nie unternahmen, illustriert diese mit Zeichnungen, die aus nichts anderem bestehen außer aus Bestandteilen eines hypermodernen Modells eines Staubsaugers, den keiner kaufen möchte: Damit hält er nicht nur den britischen Geheimdienst auf Trab, da ein Doppelagent diese angebliche neue ›Waffe‹ an andere Nationalitäten als Tatsache weiterverbreitet.
Es kommt, wie es kommen muss: Bald schon steckt Mister Wormhold gewaltig in der Bredouille, und nicht nur er, sondern durchaus auch die sympathische Sekretärin Beatrice, die man zu seiner Unterstützung unaufgefordert in sein Leben oktroyierte. Ohne dabei zu bedenken, dass eben jene Beatrice vielleicht ein ganz anderer Mensch sein könnte, als eine trockene Sekretärin dem Commonwealth verpflichtet. Irgendwann später, als alles auffliegt, wird sie diejenige sein, die sagt:
»›Es gibt etwas größeres als das eigene Land, nicht wahr? Sie haben uns das beigebracht mit ihrem Völkerbund, ihrem Atlantikpakt, mit NATO, UNO und SEATO. Aber den meisten von uns bedeuten sie nicht mehr als all die anderen Buchstaben, USA und UdSSR. Und wir glauben Ihnen nicht mehr, wenn sie sagen, sie wollen Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit. Was für einen Frieden? Sie wollen nur Karriere machen.‹ Ich habe gesagt, ich sympathisierte mit den französischen Offizieren, die sich 1940 um ihre Familien gekümmert haben; ihnen sei es jedenfalls nicht zuerst um ihre Karriere gegangen. Ein Land sei eher eine Familie als ein parlamentarisches System.« (S. 235)
Und sie begründet ihre Sichtweise wie folgt: »Ich kann an nichts Größeres glauben als ein Zuhause, an nichts Vageres als ein menschliches Wesen.« (S. 235)
Dabei könnte das Leben in Havanna doch so angenehm sein, würden andere diese Konkurrenzspiele nicht so bitterernst nehmen! Andere wie Hauptmann Segura und all die Spion*innen, die plötzlich aktiv werden, unter anderem, um Mr. Wormhold zu ermorden.
»Unser Mann in Havanna« ist eine gekonnte Persiflage des Spionageromans, die es auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem ersten Erscheinen noch immer versteht, uns zu faszinieren, zu unterhalten, zum Schmunzeln und zum Denken anzuregen. Witzige Dialoge folgen auf überraschend poetische Wendungen (»[…] und die Schuld würde ihm aus der Hand fressen.« (81)). Oder auf Sätze, die uns ob ihre Klugheit frappieren (»Ein Witz hatte stets eine zweite Seite, die Seite des Opfers.« (S. 82)).
Mich persönlich reizte die Relektüre dieses Romans bereits seit vielen Jahren, nicht nur, weil ich mich Havanna bis heute verbunden fühle, sondern auch da ich gerne dem nachspüren wollte, was mich damals fasziniert, als ich die Möglichkeit eines längeren Aufenthalts auf Kuba erhielt. Hinzu kam der Wunsch einer Wiederbegegnung mit diesem Ort – ein Wunsch, der sich insbesondere dadurch einstellte, dass Kuba einer der Schauplätze meines nächsten Romans »Landschaften in Schalen« ist und ich Graham Greenes Darstellung nach Abschluss der Romanarbeiten mit meiner Sichtweise vergleichen wollte. Letzteres geriet mir jedoch zur Enttäuschung, denn Havanna ist in diesem Roman kaum mehr als eine austauschbare Kulisse, einzig deswegen gewählt, dass dieses Land zwischen zwei mächtigen Staaten steht, die einst den Kalten Krieg dominierten.
Über Havanna heißt es bei Graham Greene: »Es war eine Stadt für Besucher, keine Stadt zum leben, aber es war die Stadt, in der sich Worhold zum ersten Mal verliebt hatte, und sie hielt ihn fest wie der Schauplatz einer Katastrophe. Die Zeit verleiht einem Schlachtfeld Poesie, und vielleicht ähnelte Mily ein wenig der Blume auf einem alten Wall, von dem aus vor vielen Jahren ein Angriff unter schweren Verlusten zurückgeschlagen wurde.« (S. 59.)
Dies zeigt bereits sehr deutlich, dass Graham Greene kaum auf den Inselstaat per se in diesem Werk einzugehen gedenkt. Als der Roman 1958 erstmals erschien, mögen zwar alle Zeichen der Zeit bereits sichtbar auf ein Ende des Batista Regimes gewiesen haben, doch wird der drohende Umbruch keineswegs Thema in diesem Roman.
Der Hauptcharakter Mr. Wormhold besticht durch seine Menschlichkeit, selbst wenn er über sein Ich sagt: »Die Kindheit war der Keim allen Misstrauens. Grausame Witze wurden über einen gemacht, und dann machte man selbst grausame Witze. Man verlor die Erinnerung an den Schmerz, in dem man selbst Schmerz zufügte. Aber obwohl das nicht sein Verdienst war, hat er diesen Weg nie eingeschlagen. Vielleicht ein Mangel an Charakter. Von Schuhen hieß es, sie formten den Charakter, indem sie die Kanten abschliffen. Ihm waren die Kanten abgeschliffen worden, aber das Ergebnis war, dachte eher, kein Charakter gewesen – nur Formlosigkeit wie bei einem Ausstellungsstück im Museum auf Modern Art.« (S. 34)
Literarisch beeindruckend sind manche Passagen in diesem Roman. Hier sei exemplarisch auf eine verwiesen, bei der sich Graham Greene zur Darstellung seiner Protagonist*innen der Technik der Kontrastierung bediente: Mr. Wormhold hört im Nebenzimmer einen Dialog zwischen seiner Tochter Mily und seiner Sekretärin Beatrice, die für ihn ein Tendre hat. Dieses Gespräch wird uns als Dialog wiedergegeben, quer geschnitten damit, was Mr. Wormhold so durch den Kopf geht. Und was dabei entsteht? Großartige Komik!
Wegen dieser und vieler anderer Passagen in diesem Roman sei auch heute noch die Lektüre von »Unser Mann in Havanna« empfohlen! Mal ganz davon abgesehen, dass sich so mancher Beatrices Worte über die Unsinnigkeit von Nationalismen auch heute noch hinter die Ohren schreiben könnte.
Greene, Graham: Unser Mann in Havanna. (Originaltitel: Our Man in Havanna., 1958 erschienen) übersetzt von Dietlind Kaiser. Wien: Zsolnay Verlag 1998.