
»Zwei Soldaten« erzählt von zwei jungen Männern, kaum der Kindheit entwachsen. Jonny heißt der eine, Hans der andere, doch beide eint, dass sie schwer verletzt im Schützengraben liegen, mitten in der Wüste, dem andern in Rufnähe und dennoch meilenweit voneinander entfernt. Denn was sie trennt, ist nicht nur die Nationalität, die man ihnen eingebläut hat, oder die jeweilig andere Sprache, die ein Verstehen verhindert, sondern vor allem die Kriegshetze, der man sie zuvor aussetze. Während wir ihre Gedanken lesen, erhalten wir jedoch mehr und mehr den Eindruck, dass die beiden jungen Männer einander überaus ähnlich sind und dass das, was sie jenseits der Propaganda denken, mehr oder weniger das Gleiche ist: Beide schreien nach der Mutter. Doch während Jonny betont, er verstünde nicht, was da eigentlich geschehe, er sei doch keineswegs böse gewesen, er wisse überhaupt nicht, weshalb irgendjemand ihn umbringen wolle, sie habe ihm doch gesagt, wer gut sei, dem geschehen nichts, betont Hans vielmehr, was ihm eine deutsche Mutter ist: »Die herben Züge und der edle Blick, das schlichte Haar, die stolze Frauenwürde, im harten Alltag Kampf der Heimatfront opfert sie gerne jeden ihrer Söhne […]«, und wir als Lesende wissen nicht, ob wir über solche Zeilen der Verblendung weinen oder wütend oder beides zugleich tun sollten. Die Gehirnwäsche sitzt jedenfalls. Selbst im Schützengraben. Und sie trifft eine*n umso härter im Kontrast mit Jonny. Gleiches gilt auch, wenn die beiden jungen Männer von ihrem Mädchen sprechen, welches sie zurückließen, oder wenn sie vom Steine werfen erzählen – ein Spatz, ein Hase, sinnlos ermordet. Doch während sich Jonny bis heute schuldig fühlt, denkt Hans im assoziativen Fluss an den jüdischen Händler, den einige Jungen und er wenig später wie einst den Hasen jagten. Der Händler wird es überleben, er wird sogar emigrieren können und durch Zufall in Jonny Nachbarschaft landen. Von ihm erfahren wir in der Erzählung seiner Mutter, die den Händler als sehr freundlichen Mann kennenlernte, von seinen letzten Tagen, in denen – bereits geschwächt und von Kriegsnachrichten überschattet – die Angst dominiert.
Das Psychogramm der beiden jungen Männer im Inneren Monolog kennt noch eine weitere Differenz: Jonny hört das Rufen des anderen, sein Ringen um Atem und will bei ihm sein, in dieser letzten Stunde; Hans hingegen träumt vom letzten Mord. Wie die beiden jungen Männer verhalten sich auch die Mütter gegensätzlich in Lazars Darstellung. Während Jonnys Mutter sich dagegen verwehrt, dass ihr Sohn ein Mörder wird und seiner Einrückung erst dann zustimmt, als die Gräueltaten der Nazis bekannt werden, ist Hans’ Mutter von der Notwendigkeit überzeugt, sich zurückzuholen, was einem ob der ›Herrenrasse‹ zustehe: die ganze Welt. Und es überrascht wenig, dass Jonny als erster die Frage stellt, ob sie beide nicht mehr eine als trenne. Da spricht Hans noch immer von »artfremden Blut«, und er sagt, dass er seine Annemarie durch die Straßen peitschen lassen würde, gäbe sie sich » so einem« hin, selbst wenn er keiner derjenigen sei, dem ›das Freude mache‹, wie er sagt.
Und bei Begriffen wie »Armeen der deutschen Arbeit«, »sieh zu, dass unsere Kinder, und wenn es auch nicht meine Kinder sind, für Deutschland einmal sterben können so wie ich – tue deine Pflicht, Annemarie« schaudert, gruselt und graut es einen; vom Größenwahn der » Führernation« ganz zu schweigen, und es klingt (leider bis heute) bekannt, wenn es heißt: »[…] Ich weiß von nichts, und was ich tat, das habe ich vergessen.« Nein, ›leichte‹ Lektüre ist das nicht. Erfreulicherweise auch keine seichte und was in dieser kurzen Darstellung, die vor allem auf das Wesentliche hinweisen möchte, vielleicht etwas tendenziell klingen mag, verläuft sich in der Intensität des Lektüreerlebnisses, das ich jedem und jeder ans Herz legen möchte, insbesondere in Anbetracht der derzeitigen politischen Lage in der Welt.
Lazar, Maria: Zwei Soldaten. Wien: dvb 2024.